INA KENT meets Mirjam Unger

"Wir Filmmenschen sind eine eigene Spezies.“

Bevor Mirjam Unger 2012 den Job hinter dem Mikrofon verließ, um sich mit Haut und Haaren dem Film zuzuwenden, gestaltete und moderierte sie als Gründungsmitglied des Radiosenders FM4 jahrzehntelang Radio. In der FM4 Homebase erfüllte sie mit samtiger Stimme einer ganzen Generation von Teenagern Musikwünsche und teilte ihr Wissen aus ihrem inneren Poplexikon. Die nun Filmschaffende (Drehbuchautorin und Regisseurin) schuf bis dato Kurz-, Spiel-, Dokumentarfilme und Serien, ihre charakteristische Stimme hört man zudem nun auch wieder im Ö1 Radiokolleg Poplexikon.

Wir treffen Mirjam Unger an einem ihrer Lieblingsorte – dem nun frisch renovierten Gartenbaukino, in welchem sie im Zuge des Crowdfunding-Projekts Anfang des Jahres eine Sesselpatenschaft übernahm. Während wir zwischen hunderten von Kinosesseln nach dem einen mit Mirjams Namen suchen, sprechen wir mit Mirjam über ihre große Leidenschaft dem Filmemachen, ihr Zirkusleben und Taschengeschichten.

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INA KENT meets Mirjam Unger im Gartenbaukino
"Manchmal lese ich ein Drehbuch und erkenne recht rasch, dass eine Distanz übrigbleibt."

Wie gestaltet sich Dein Arbeitsprozess als Filmschaffende … wie weißt Du, welche Thematiken, Menschen, Erlebnisse und Geschichten Potential für ein Filmprojekt haben?
Wenn aus mir eine Idee entsteht, dann deshalb, weil mich zuvor etwas fasziniert oder begeistert hat. Es muss jedenfalls etwas mit mir passieren und ich muss merken, dass ich mit der Thematik, Protagonist*innen, Drehbuch, Story in Beziehung trete. Wenn das passiert, dann setzt sich etwas in mir in Bewegung. Manchmal lese ich ein Drehbuch und erkenne recht rasch, dass eine Distanz übrigbleibt und dass es sich dabei nicht um meinen Stoff handelt. Oft sind das wirklich schöne Geschichten … aber dennoch spüre ich keinen inneren Auftrag. Man darf nicht vergessen, das sind langjährige Prozesse, auf die man sich einlässt. Ein Filmprojekt umzusetzen, dauert nicht nur ein Monat, sondern oft Jahre. Deshalb muss das einfach für mich passen.

Du hattest für 2022 die künstlerische Leitung des österreichischen Gastauftritts auf der Leipziger Buchmesse inne, Anfang des Herbstes bist Du von der Funktion zurücktreten. Ist Dir diese Entscheidung schwergefallen?
Die Entscheidung ist mir wirklich schwergefallen – ich hätte das wirklich gerne gemacht. Eine fachübergreifende, multimediale Herangehensweise hätte ich spannend gefunden. Querverbindungen herzustellen, sich der Literatur mit einem filmischen Auge zu widmen und Musik einfließen zu lassen. Dennoch hab' ich irgendwann gespürt, dass das nicht mein Auftrag ist, der Ruf zum Film war einfach stärker. Um zu erkennen, wer die richtige Person für diesen Auftrag ist – nämlich die jetzige künstlerische Leiterin, Katja Gasser, die für Literatur brennt – habe ich allerdings ein halbes Jahr gebraucht. Danach konnte ich wieder zurück zum Filmset, da bin ich einfach zu Hause.

Gibt es weitere zukünftige Projekte, über die Du mit uns sprechen kannst?
Ich hoffe, ich darf tatsächlich schon darüber sprechen! „Tage, die es nicht gab“ – eine neue Serie, von welcher ich vier von acht Episoden im Sommer gedreht und geschnitten hab, kommt nun in die Post Production. Zudem dreh' ich derzeit gemeinsam mit den Riahi-Bros., Arash und Arman T. Riahi, einen Weihnachtsfilm. Für das nächste Jahr ist eine neue Serie sowie der „Landkrimi Tirol Teil 2“ für den ORF geplant. Und ich reiche ein Drehbuch für einen Kinofilm ein. Es ist also immer viel am Köcheln.

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INA KENT meets Mirjam Unger im Gartenbaukino
INA KENT meets Mirjam Unger im Gartenbaukino

Als Außenstehende*r kann man vielleicht nur schwer fassen, was es bedeutet, einen Film zu machen. Vom Drehbuch über Pre- bis zur Postproduktion – damit sind viele unglaublich komplexe Denk- und Abstimmungsprozesse verbunden. Gab es während eines Projekts Momente, in welchen Du alles hinwerfen wolltest, weil Du Dich von der Komplexität erschlagen fühltest?
Ja, sicher. Beim Dokumentarfilm hab' ich das gefühlt, als ich nach eineinhalb Jahren des Drehens mit achtzig Stunden Filmmaterial nach Hause gekommen bin. Achtzig Stunden Material, aus welchem ein einziger 90-minütiger Film entstehen sollte ... aus dem theoretisch viele unterschiedliche Filme entstehen hätten können. Zu Beginn dieses Prozesses gräbt man sich also durch Stunden und Stunden an Material und begibt sich auf die Suche nach diesem roten Faden, um den man die Geschichte spannen möchte. Einerseits ist das natürlich sehr fordernd, andererseits ist es ein wahnsinnig gutes Gefühl, wenn sich das Licht am Ende des Tunnels abzeichnet. Bei Dokumentarfilmen ist es besonders schön, wenn sie dann da sind. Es ist ein bisschen so, als könne man damit die Zeit konservieren. Über die beiden Dokumentarfilme, die ich gemacht habe – „Vienna's Lost Daughters“ und „Oh Yeah, She Performs!“ – bin ich jedenfalls total happy, dass sie existieren.

"JETZT, MIT 51, KANN ICH SAGEN, DASS ICH IN DIESEN PROZESS UND IN DIESE RIESENVERANTWORTUNG HINEINGEWACHSEN BIN."

Auch bei meinem ersten Spielfilm „Ternitz, Tennessee“ bin ich durch diesen Prozess gegangen. Ich dachte mir erst: „Nie wieder. Das war zu arg.“ Ich war damals noch keine 30, und hatte unterschätzt, wie sehr einen die Entstehung eines Films fordern kann. Erst nach den beiden darauffolgenden Dokumentarfilmen hab' ich mich langsam wieder an den Spielfilm heranwagen wollen. Und jetzt, mit 51, kann ich sagen, dass ich in diesen Prozess und in die Riesenverantwortung hineingewachsen bin. Ich kann den Prozess wieder genießen und hab' das Gefühl, dass ich ich den Prozess im Griff hab' … und nicht, dass der Prozess mich im Griff hat.

INA KENT meets MIrjam Unger Gartenbaukino Wien

Das Filmbusiness ist national und international eine Männerdomäne – es herrscht der allgemeine Tenor, dass es als Filmschaffende noch immer wesentlich schwieriger ist, an Fördermittel zu gelangen und Produktionspartner*innen zu finden. Kannst Du uns hierzu Insights geben – welche Erfahrungen konntest Du bislang machen?
Das Filmemachen für Frauen hat sich verändert, es gab viele positive Entwicklungen, aber trotzdem ist noch viel zu tun. Seit den Neunzigerjahren, als ich an der Filmakademie studiert hab‘, ist unglaublich viel passiert. Damals war es ein Novum, dass wir als Frauen Filmemachen wollten. Natürlich hab' ich in der Zwischenzeit für mich selbst auch viele Mechanismen begriffen, aber es ist generell für mich nicht mehr so ein Kampf. Der diesjährige Film Gender Report zeigt, dass der Anteil der geförderten Frauenprojekte in Österreich bei 25 % liegt. Nun ist es aber so, dass der Frauenanteil bei kleineren Projekten größer ist und dort, wo die großen Budgets sind, da wird es mit einem Anteil von 0-3 % sehr dünn. Auch Serien sind sehr männerdominiert. Aber auch in diesen Domänen werden wir, Kolleginnen und ich, präsenter. Und wir bewegen uns immer weiter vorwärts. Es macht auch Spaß, zu wissen, dass wir große Projekte mit großen Budgets verantworten können. Ja. Wir können das sehr sehr gut!

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INA KENT meets Mirjam Unger im Gartenbaukino
"Wir Filmmenschen sind wie eine eigene Spezies, die auf der gesamten Welt etwas gemeinsam haben – wir sind absolute Freigeister, die sich nie ganz festlegen wollen."

In Deinem 2012 erschienen Dokumentarfilm „O Yeah She Performs“ porträtierst Du vier Musikerinnen – damals die Protagonistinnen der heimischen Musikszene. Welche Künstler*innen würdest Du in einem Sequel für 2022 portraitieren?
Mira Lu Kovacs, Kerosin95 .. Außerdem finde ich Leyya ganz super und ich liebe HVOB mit Anna Müller – sie war schon bei „Oh Yeah She Performs“ in meiner engeren Auswahl, damals noch bei Herbstrock.

Es gibt jetzt junge Frauen in der österreichischen Musik, die hätte ich mir damals, 2012, gewünscht. Andererseits würde ich gerne mit den Frauen von damals nochmals drehen, um diese Welten aufeinanderprallen zu lassen.

Welchen Rat würdest Du jemanden mitgeben, der im heimischen Filmgeschäft Fuß fassen möchte?
Ein Weg ist natürlich, die Filmakademie zu besuchen. Dort erhält man die Möglichkeit, Filme zu machen und auch die Möglichkeit in der geschützten Werkstatt zu scheitern, denn scheitern zu können ist so wichtig auf dem Weg. Oder auch nicht zu scheitern, sondern zu gewinnen. Dabei hat man natürlich auch Gelegenheiten, sich ein erstes professionelles Netzwerk aufzubauen – davon kann man lange profitieren. Wenn man nicht den akademischen, sondern lieber den autodidaktischen Weg des Seiteneinstiegs wählen möchte, kann man die Dinge, die in einem brodeln, einfach auch tun. Viel ins Kino zu gehen, Filmfestivals zu besuchen, sich einfach möglichst viel anzusehen, um ein Gespür zu bekommen und die eigene Stimme reifen zu spüren. Wenn dabei die Liebe zum Filmemachen wächst, sollte man versuchen, bei Produktionen mitzuarbeiten und z. B. mal nur als Produktions-Runner*in einzusteigen. Wenn man am Set richtig ist, wird man es gleich einmal spüren und auch die anderen am Set werden es spüren. Man muss es jedenfalls lieben und der Typ Mensch dafür sein, das freiheitsliebende in sich haben und bereit sein für eine Art Zirkusleben. Wir Filmmenschen sind wie eine eigene Spezies, die auf der gesamten Welt etwas gemeinsam haben – wir sind absolute Freigeister, die sich nie ganz festlegen wollen. Gleichzeitig ist es auch ein Rudelberuf. Es ist wie Fußball, es geht einfach nichts alleine.

INA KENT meets Mirjam Unger Gartenbaukino

Was bzw. welche Emotionen kann man nur im Film ausdrücken?
Ich glaub' schon, dass die anderen Künste, vor allem die Musik, das auch können. Aber beim Film sind mehrere Sinne und viele Ebenen von Gefühlen im Spiel. Etwas, das vielleicht nur der Film kann, ist das Festhalten von Vergänglichem im Bewegtbild. Wenn man eine Video-Aufnahme von einer verstorbenen Person abspielt, die man geliebt hat, erzeugt das oft ganz starke Emotionen. Und man hat vielleicht das Gefühl, die Person lebt irgendwie doch noch.

Wenn Geld und Ressourcen keine Rollen spielten – wer befände sich in Deinem Dream-Cast für Deinen nächsten Spielfilm?
Elisabeth Moss, Timothée Chalamet, Mads Mikkelsen, Reese Witherspoon und Léa Seydoux. Und ich würde gerne mit meiner Tochter Maya Unger drehen. Sie ist Schauspielerin. Davon träum' ich.

Du müsstest einen Film-Kanon für den Unterricht in der Sekundarstufe gestalten. Welche Filme stünden hier auf der Liste?
Huch, damit könnte ich Semester füllen. Jedenfalls alle Scorsese-Filme. Zudem würde ich etwa Nicole Kidmans Werdegang und Entwicklung anhand ihrer Filmografie aufzeigen. Und es gibt so viele starke österreichische Dokumentarfilme wie die frühen Filme von Ulrich Seidl, „Mama Illegal“ von Ed Moschitz sowie diverse Filme von Nikolaus Geyrhalter oder Ruth Beckermann. Außerdem würde ich die Repräsentation von Jugend und Musik im Film besprechen, da fällt mir viel ein.

INA KENT meets Mirjam Unger im Gartenbaukino

Bags Tell Stories. Welche Geschichten gibt es zu Dir und Deinen IK-Taschen?
Meine erste INA KENT-Tasche (MOONLIT ed.1) hat mir meine liebe Freundin, die Schauspielerin Hilde Dalik zum Geburtstag geschenkt. Zuvor hatte ich ihre so bewundert, weil sie ihre Tasche immer anders getragen hat – einmal unterm Arm, ein andermal um die Taille oder als Clutch in der Hand. Es war immer die gleiche Tasche, aber auf unterschiedliche Weise verwendet. Offenbar hab' ich sie so oft danach gefragt, dass sie mich schlussendlich damit überrascht hat.

Wenn ich Veranstaltungen besuche, treffe ich dort für gewöhnlich mehrere weitere Frauen, die auch eine INA KENT-Tasche tragen. So erkennt man sich auch irgendwie wieder. Ich mag an den Taschen außerdem, dass sie glitzern. Und dass man dadurch den Mut gewinnt, auch ein bisschen mitglitzern zu wollen. Ein bisschen Glamour im Alltag ist schön und tut auch gut.

"MEINE TASCHE IST MEIN KLEINES, MOBILES ZU HAUSE."

Welches INA KENT-Modell ist Dein Lieblingsmodell?
Jetzt ist es die DINKUM ed.2. Sie ist mir fast angewachsen, ich werd' auch oft darauf angesprochen. Und meine Drehbücher trag ich im INA KENT-Dustbag.

Was verrät uns Deine Tasche über Dich?
Seitdem ich mit 18 Jahren in Brasilien war, hab' ich einen wahnsinnigen Bezug zu meinen Taschen, weil man dort so aufpassen musste, dass einem nichts abhandenkommt. Deshalb schau' ich immer darauf, wo meine Tasche ist. Ich stelle sie auch nicht auf den Boden. Eine Freundin hat mal gesagt, es gäbe diesen bosnischen Mythos, der besagt, dass man Taschen nie am Boden abstellen solle, da einem sonst das Geld davonliefe. Jedenfalls ist meine Tasche mein kleines, mobiles zu Hause. Weil ich so ein Zirkusmensch bin, hab' ich auch ein Surviving-Prinzip entwickelt … so hab' ich alles, was ich zum Überleben brauche, in meiner Tasche.

Welche Frage wolltest Du Ina Kent immer schon einmal stellen?
Wie ist sie auf die grundsätzliche Idee gekommen, dass sich eine Tasche analog zur Persönlichkeit und Stimmung der Trägerin verändern lässt? Eigentlich ist der Karabinerring der Schlüssel zum ganzen Konzept – wie hat sie die Idee zu den Ringen entwickelt, die alles zusammenhalten und gleichzeitig Veränderung gewähren?

Mirjam Unger x INA KENT im Gartenbaukino
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08. Dezember 2021